Unterschiedliche Wirkungen der CED-Medikamente auf die Immunabwehr – was bedeutet das für die Ansteckung mit dem Coronavirus?

(Aktualisiert am 21. April 2020)

Die Behandlung mit immunsuppressiven Medikamenten, z. B. Kortison, Azathioprin, TNF-Antikörper und anderen Biologika hat einen festen Stellenwert in der Therapie der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen.

Generell gilt: Therapien, die die Arbeit des Immunsystems herabsetzen, erhöhen in unterschiedlichem Maße die Anfälligkeit für verschiedene Infekte.

Wer nun aber eine laufende wirkungsvolle immunsupprimierende Therapie absetzt, riskiert einen Schub, der womöglich dann noch viel intensiver behandelt werden muss und den Körper schwächt, was ebenfalls zu einer höheren Infektanfälligkeit führt. 

Zudem muss man sagen: Bisher gibt es keine gesicherten Informationen zu CED-Therapien und ihrer Auswirkung auf die Ansteckung mit Sars-CoV-2.  Auch über den  Verlauf einer Corona-Erkrankung unter diesen Voraussetzungen gibt es bisher keine wissenschaftlich fundierten Informationen. Dafür ist das Virus zu neu und so bleiben viele Fragen offen.

Für eine Einschätzung auf die Auswirkungen  der Medikamente  muss man deshalb momentan auf die Informationen zurückgreifen, die zu CED-Medikamenten und anderen Virus-Infektionen vorliegen. Die untenstehenden Aussagen beziehen sich dabei auf die Therapie mit den jeweiligen Einzelwirkstoffen. Bei einer Kombinationstherapie von Medikamenten kann das Risiko der Infektanfälligkeit weiter ansteigen. Die Hinweise hier können nur als allgemeine Informationen und Einschätzungen verstanden werden. Ob es bei Ihnen angezeigt ist, Ihre CED-Therapie zu verändern, sollten Sie immer in Absprache mit Ihrer*Ihrem behandelnden Ärzt*in entscheiden.

Bitte setzen Sie auf keinen Fall Ihre Medikamente ab, ohne mit Ihrer*Ihrem behandelnden Ärzt*in Rücksprache zu halten!

Auf Basis einer Empfehlung der Europäischen Medizinischen Fachgesellschaft für Crohn und Colitis (ECCO) wird grundsätzlich festgelegt – zum Schutz der Patient*innen und des medizinischen Personals: Es werden nur Patient*innen  gesehen, bei denen die telefonische Beratung nicht ausreicht!

Im Folgenden finden Sie die einzelnen Medikamente unter  den Wirkstoffnamen  aufgelistet (sie müssen neben den Handelsnamen, die mit einem ® gekennzeichnet sind, ebenfalls auf der Medikamentenpackung angegeben sein):

Mesalazin/Sulfasalazin (5-ASA): Diese Wirkstoffe werden bei einer leichten bis mittelschweren Colitis ulcerosa empfohlen. Sie greifen nicht in die Abwehr von Virusinfekten/Infekten ein.

Thiopurine (Azathioprin/6-Mercaptopurin): Sie schränken die Abwehr des Immunsystems ein. Es ist bekannt, dass gerade die Abwehr von Viren durch die Thiopurine besonders eingeschränkt wird, sodass es zu schweren Infekten kommen kann (z. B. mit dem EBV-Virus). In Anlehnung daran und unter Berücksichtigung Ihrer persönlichen Gegebenheiten (z. B. andere Risikofaktoren, Alter, Risiko einer Ansteckung, bisheriger Krankheitsverlauf) können Sie bei Thiopurinen gemeinsam mit Ihrer*Ihrem behandelnden Ärzt*in überlegen, ob Sie die Therapie (vorübergehend) verändern.

Steroide/Kortison: Sie schränken die Abwehr des Immunsystems ein. Der Einsatz von Kortison sollte, wenn möglich, nach Absprache mit Ihrem*Ihrer Ärzt*in eingeschränkt werden. Die Europäische Medizinische Fachgesellschaft für Crohn und Colitis (ECCO) gibt die Empfehlung, die Therapie mit Kortison in Absprache mit den Ärzt*innen auszusetzen, wenn eine Infektion mit Sars-CoV-2 vorliegt. Sie bezieht sich dabei auf die Erfahrungen mit Influenza-Viren, SARS-CoV und MERS-CoV. Wichtig ist, eine Therapie mit Kortison nicht selbstständig und ohne Rücksprache mit Ihrem*Ihrer Ärzt*in einfach abzusetzen, da diese langsam abgesetzt werden MÜSSEN (ausschleichen).  

Hintergrund ist, dass der Körper in den Nebennieren eigenes Kortison (Cortisol) herstellt. Wird dies von außen über längere Zeit hinzugeführt, dann wird die eigene Produktion reduziert. Die eigenen Nebennieren müssen sich daran gewöhnen, wieder selber die relevanten Mengen zu produzieren. Dies geht nur über das langsame Absetzen. Ansonsten kann es zu gravierenden Nebenwirkungen kommen.

(Link: https://www.ecco-ibd.eu/images/6_Publication/6_8_Surveys/1st_interview_COVID-19%20ECCOTaskforce_published.pdf).

Methotrexat MTX: Schränkt ebenfalls die Abwehr des Immunsystems ein. Wenn Sie unsicher sind, sprechen Sie mit Ihrem*Ihrer Ärzt*in.

Anti-TNF-Alpha (Adalimumab/Infliximab/Golimumab): Schränken die Abwehrfähigkeit des Immunsystems ein. Wenn Sie unsicher sind, sprechen Sie mit Ihrem*Ihrer Ärzt*in.

Wenn bei Ihnen eine Infusion im Zusammenhang mit einer CED-Therapie (Infliximab oder Vedolizumab) ansteht, sollten – wenn möglich – die zeitlichen Abstände zwischen den Infusionen  beibehalten werden.

Dafür werden folgende Maßnahmen empfohlen:

  • Infusionsstühle sind einen  Meter voneinander getrennt
  • ein Mundschutz für Patient*innen während der Infusion

Die ECCO sagt aber auch, dass es unter bestimmten Umständen möglich ist, die Infusionen etwas zu verzögern:

Voraussetzung: Sie haben seit mehr als einem Jahr keine CED-Symptome und auch die Entzündungsmarker (Calprotectin oder andere Biomarker) sind nicht erhöht.

Ustekinumab: Nach bisherigen Daten ist die Infektanfälligkeit unter Ustekinumab nicht so hoch wie unter TNF-alpha-Blockern. Allerdings liegen zu diesem Wirkstoff bisher nur begrenzte Daten vor, da er noch nicht so lange auf dem Markt ist und es deshalb weniger Erfahrung en gibt. Niemals sollten die Medikamente ohne Rücksprache mit Ihrem*Ihrer Ärzt*in einfach abgesetzt werden.

Vedolizumab: Der Wirkmechanismus beschränkt sich auf die Blockade der Immunzellen, die aus der Blutbahn in die Entzündungsstellen im Darm einwandern und dort die Entzündung weiter vorantreiben. Daher wird keine Einschränkung der Immunabwehr von Infekten, die nicht im Darm vorliegen, erwartet. Mittlerweile wurde festgestellt, dass es auch Andockstellen (ACE2-Rezeptoren) für das SARS-CoV-2 Virus in anderen Organen – unter anderem im Darm – gibt und das Erbgut des SARS-CoV-2 Virus auch im Stuhl von COVID-19-Patient*innen nachgewiesen wurde.

Es gibt jedoch nach aktuellem Kenntnisstand keine Hinweise darüber, dass die Therapie mit Vedolizumab (einem sehr spezifischen Integrinhemmer für den Verdauungstrakt) eine Auswirkung auf die Infektion mit SARS-CoV-2 oder den Verlauf mit der COVID-19-Erkrankung hat. Und andersherum, der SARS-CoV-2-Virus auch keinen Einfluss auf die Wirksamkeit der Therapie mit Vedolizumab für die CED.

Wenn bei Ihnen eine notwendige Vedolizumab-Infusion ansteht, hat die europäische Dachorganisation der CED-Gastroenterolog*innen, die European Crohn's and Colitis Organisation (ECCO) Maßnahmen empfohlen – siehe Infliximab.

JAK-Inhibitoren (Tofacitinib): Schränken ebenfalls die Abwehr des Immunsystems ein.

Eine generelle Empfehlung, immunsuppressive Therapien abzusetzen oder beizubehalten ist nicht möglich. Für alle Therapien gilt, dass eine Veränderung/Absetzen immer in Absprache mit der*dem behandelnden Ärzt*in erfolgen sollte unter Berücksichtigung weiterer wichtiger Aspekte und Risikofaktoren (z. B. Alter, andere individuelle Risikofaktoren, Ansteckungsrisiko), sowie der Besonderheiten der Medikamente und Ihres bisherigen Krankheitsverlaufs.

 

Quellen:

 

Erstellt: 16.03.2020 Letzte Änderung: 22.04.2020

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