Unterschiedliche Wirkungen der CED-Medikamente auf die Immunabwehr – was bedeutet das für die Ansteckung mit dem Sars-CoV-2?

(Aktualisiert am 31. August 2020)

  • Abbildung 1: Risikoerhöhungen in Abhängigkeit der medikamentösen Therapie
  • Menschen mit einer CED (Kinder und Erwachsene) ohne eine immunsuppressive Therapie und ohne weitere Risikofaktoren (beispielweise weitere Erkrankungen, die zu den Risikofaktoren zählen) haben kein erhöhtes Infektionsrisiko.

    Menschen mit einer CED unter immunsuppressiver Therapie haben ein erhöhtes Risiko für eine Sars-CoV-2 Infektion und sollten deshalb sorgfältig individuelle Schutzmaßnahmen umsetzen. Der Grad der Risikoerhöhung scheint dabei für die einzelnen immunsuppressiven Wirkstoffe unterschiedlich zu sein (Empfehlung 1.2. der S2K-LL). Dies sagt aber nichts über die Schwere des Krankheitsverlaufes aus, nur über die Ansteckung mit dem Virus.

    Bitte setzen Sie auf keinen Fall Ihre Medikamente ab, ohne mit Ihrer*Ihrem behandelnden Ärzt*in Rücksprache zu halten!

    Abbildung 1 zeigt die Risikoeinschätzung für eine Infektion (nicht schweren Verlauf) unter den verschiedenen CED-Medikamenten.

    Im Folgenden werden noch einmal ausführlichere Informationen zu den einzelnen Medikamenten geben.

    Im Folgenden finden Sie die einzelnen Medikamente unter  den Wirkstoffnamen aufgelistet (sie müssen neben den Handelsnamen, die mit einem ® gekennzeichnet sind, ebenfalls auf Ihrer Medikamentenpackung angegeben sein):

    Steroide/Kortison: Sie schränken die Abwehr des Immunsystems ein. Besonders, wenn Steroide in einer Dosis über 20 Milligramm pro Tag gegeben werden, erhöht sich das Risiko für Infektionen mit Influenzavieren und für schwere Lungenentzündungen.
    Der Einsatz von Kortison sollte, wenn möglich, nach Absprache mit Ihrem*Ihrer Ärzt*in eingeschränkt werden. Die Europäische Medizinische Fachgesellschaft für Crohn und Colitis (ECCO) gibt die Empfehlung, die Therapie mit Kortison in Absprache mit den Ärzt*innen auszusetzen, wenn eine Infektion mit Sars-CoV-2 vorliegt. Sie bezieht sich dabei auf die Erfahrungen mit Influenza-Viren, SARS-CoV und MERS-CoV. Wichtig ist, eine Therapie mit Kortison nicht selbstständig und ohne Rücksprache mit Ihrem*Ihrer Ärzt*in einfach abzusetzen, da diese langsam abgesetzt werden MÜSSEN (ausschleichen).  

    Hintergrund für dieses Ausschleichen ist, dass der Körper in den Nebennieren eigenes Kortison (Cortisol) herstellt. Wird dies von außen über längere Zeit hinzugeführt, dann wird die eigene Produktion reduziert. Die eigenen Nebennieren müssen sich daran gewöhnen, wieder selber die relevanten Mengen zu produzieren. Dies geht nur über das langsame Absetzen. Ansonsten kann es zu gravierenden Nebenwirkungen kommen.

    Mesalazin/Sulfasalazin (5-ASA): Diese Wirkstoffe werden bei einer leichten bis mittelschweren Colitis ulcerosa empfohlen. Sie greifen nicht in die Abwehr von Virusinfekten/Infekten ein.

    Thiopurine (Azathioprin/6-Mercaptopurin): Sie schränken die Abwehr des Immunsystems ein. Es ist bekannt, dass gerade die Abwehr von Viren durch die Thiopurine besonders eingeschränkt wird, sodass es zu schweren Infekten kommen kann (z. B. mit dem EBV-Virus). Ob es dabei zu schweren Infekten in der Lunge kommen kann, ist momentan nicht abschließend geklärt. In Anlehnung daran und unter Berücksichtigung Ihrer persönlichen Gegebenheiten (z. B. andere Risikofaktoren, Alter, Risiko einer Ansteckung, bisheriger Krankheitsverlauf) können Sie bei Thiopurinen gemeinsam mit Ihrer*Ihrem behandelnden Ärzt*in überlegen, ob Sie die Therapie (vorübergehend) verändern.

    Methotrexat MTX: Schränkt ebenfalls die Abwehr des Immunsystems ein. Wenn Sie unsicher sind, sprechen Sie mit Ihrem*Ihrer Ärzt*in.

    Anti-TNF-Alpha (Adalimumab/Infliximab/Golimumab): Schränken die Abwehrfähigkeit des Immunsystems ein. Ein Risiko für einen Ansteckung mit Viren ist gegeben. Dies ist aber niedriger als bei den Thiopurinen, da TNF-alpha-Blocker einen anderen Wirkmechanismus haben.

    Zur Gabe per Infusion wird empfohlen:
    Eine Umstellung einer intravenösen Infliximab-Therapie auf einen anderen Biologika-Wirkstoff, die per Spritze oder Pen gegeben wird (subkutan), sollte bei Menschen mit CED in Remission NICHT erfolgen. (Empfehlung 3.5 der S2K-LL).

    Vedolizumab: Der Wirkmechanismus beschränkt sich auf die Blockade der Immunzellen, die aus der Blutbahn in die Entzündungsstellen im Darm einwandern und dort die Entzündung weiter vorantreiben. Daher wird keine Einschränkung der Immunabwehr von Infekten, die nicht im Darm vorliegen, erwartet. Mittlerweile wurde festgestellt, dass es auch Andockstellen (ACE2-Rezeptoren) für das SARS-CoV-2 Virus in anderen Organen – unter anderem im Darm – gibt und das Erbgut des SARS-CoV-2 Virus auch im Stuhl von COVID-19-Patient*innen nachgewiesen wurde.

    Es gibt jedoch nach aktuellem Kenntnisstand keine Hinweise darüber, dass die Therapie mit Vedolizumab (einem sehr spezifischen Integrinhemmer für den Verdauungstrakt) eine Auswirkung auf die Infektion mit SARS-CoV-2 oder den Verlauf mit der COVID-19-Erkrankung hat. Und andersherum, der SARS-CoV-2-Virus auch keinen Einfluss auf die Wirksamkeit der Therapie mit Vedolizumab für die CED.

    Eine Verlängerung der Infusionsintervalle für TNF-alpha-Blocker oder Vedolizumab sollte nicht erfolgen (Empfehlung 3.7 der S2K-LL).

    Hintergrund der Empfehlung ist, dass bei Menschen mit CED, die gut auf ihre Therapie eingestellt und in Remission sind, nicht riskiert werden soll, dass sich die Entzündungsaktivität erhöht und ein Schub auftritt.

    Ustekinumab: Nach bisherigen Daten ist die Infektanfälligkeit unter Ustekinumab nicht so hoch wie unter TNF-alpha-Blockern. Allerdings liegen zu diesem Wirkstoff bisher nur begrenzt Daten vor, da er noch nicht so lange auf dem Markt ist und es deshalb weniger Erfahrungen gibt. Niemals sollten die Medikamente ohne Rücksprache mit Ihrem*Ihrer Ärzt*in einfach abgesetzt werden.

    JAK-Inhibitoren (Tofacitinib): Schränken ebenfalls die Abwehr des Immunsystems ein. Tofacitinib wirkt dabei auf virenabwehrenden Immunzellen ein, sodass diese nicht mehr so effektiv Viren bekämpfen können. Deshalb sind als Nebenwirkungen unter Tofacitinib auch vermehrt virale Infektionen wie Herpes Zoster aufgetreten. Vor diesem Hintergrund wird in der S2K-LL gesagt, dass JAK-Inhibitoren, wie Tofacitinib, mit Vorsicht eingesetzt werden sollen. Wenn Sie unsicher sind, sprechen Sie mit Ihrem/Ihrer Ärzt*in.

    Bei Kombinationstherapien von TNF-alpha-Blockern (Adalimumab, Infliximab bei Colitis ulcerosa auch Golimumab möglich) und einem sogenannten Immunsuppressivum (Azathioprin, 6-Mercaptopurin, MTX) wird in der Leitlinie folgendes empfohlen:

    Bei Patient*innen in einer stabilen Remission, die für ihr CED eine Kombinationstherapie aus einen TNF-alpha-Blocker  und einem  immunsuppressiven Wirkstoff ( Thiopurin, MTX) bekommen, sollte der Immunsuppressive Wirkstoff abgesetzt werden. (Empfehlung 3.3. der S2K-LL)

    Als „stabile Remission“ wird dabei verstanden, dass Sie über mindestens sechs Monate sehr geringe oder gar keine Entzündungsaktivität im Darm haben, kein Blut im Stuhl vorhanden ist und auch die allgemeinen Entzündungsmarker wie der CRP-Wert (Blutwert),  keine erhöhte Entzündungsaktivität des Körpers anzeigt.

    Bei der Entscheidung für oder gegen das Absetzen ist immer zu bedenken, dass das Immunsuppressivum auch dazu dient, dass das eigene Immunsystem keine Antikörper gegen den Antikörperwirkstoff (Adalimumab, Infliximab, Golimumab) bildet. Diese Antikörper-Bildung muss nicht passieren. Wenn aber das eigene Immunsystem den Wirkstoff als „fremd“ erkennt und Antikörper bildet, so neutralisieren sie den Wirkstoff, was zu einem Wirkverlust der Therapie führen kann.

    Die Empfehlungen aus der medizinischen Leitlinien müssen dabei immer in Bezug zur individuellen Krankheitsausprägung und zu dem Vorhandensein weiterer Risikofaktoren gesehen werden. Wenn Sie unsicher sind, sprechen Sie mit Ihrem/Ihrer Ärzt*in, ob es sinnvoll ist, Ihre Therapie anzupassen.

    Sollten Sie sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben, finden Sie die Empfehlungen für die medikamentöse Therapie im diesem Abschnitt. Einige Medikamente, die bei CED eingesetzt werden, scheinen einen schweren Verlauf  COVID-19 sogar zu verhindern.

    Quellen:

     

    Erstellt: 16.03.2020 Letzte Änderung: 03.09.2020

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