Aus der Krankheit einen Sinn machen
oder: wie die Krankheit den Lebensweg und die Lebenspläne beeinflusst
von Peter Hellriegel

Der erste Teil des Titels hört sich mal wieder verdammt nach so einem Tröste-Titel an: "Jetzt hast du eine schwere Krankheit. Nimm sie an. Mach das Beste draus." Wie soll man aus einer Krankheit das Beste machen? Wie soll man aus ihr einen Sinn ziehen? Egal wie sehr man darüber nachdenkt. Die Krankheit selbst wird doch ohne Sinn bleiben, sinnlos also. Nutzlos. Unnütz. Etwas, das man nicht braucht.
Aber die Krankheit verändert das Leben. Nicht nur meines, sondern auch das meiner Familie. Und dabei nicht nur, wie ich am Anfang dachte, ins Negative.
Meine Krankheit wurde zu einem Katalysator ( = Stoff, der eine Reaktion herbeiführt, sich aber nicht selbst verändert) für die Sichtweise auf mein Leben.
Zum Autor:
Peter Hellriegel ist Regionaler Ansprechpartner (RAP) Süd des AK-PSC (siehe
Kontakt).
Er ist Jahrgang 1964 und arbeitet als Sonderschullehrer.
Welcher Colitis-, Crohn- oder PSC-Patient erinnert sich nicht an das Loch, in das vermutlich jeder Betroffene nach der Diagnose seiner chronischen Krankheit gefallen ist?
Das Loch meiner ersten Diagnose war noch nicht so tief. 1991: Colitis. Tabletten, regelmäßig zur Coloskopie. Ansonsten: Verdrängung. Sechs Jahre später dann erhöhte Leberwerte, Verdacht auf Primär Sklerosierende Cholangi
tis (PSC). Das habe ich kaum richtig wahrgenommen. Noch eine Sorte Tabletten mehr. Fertig.
Dann Anfang 2001: Juckreiz, Gelbsucht, Verschluss des Gallengangs. Ein Arzt, der mir prognostizierte: "Ihre Kinder werden sie noch groß werden sehen. Aber Enkelkinder..."
Das saß.
Dieses Loch war so tief, dass ich glaubte, den oberen Rand nie mehr erreichen zu können. Ich war 36 Jahre alt und man hielt mir den Tod vor die Augen. Aus heutiger Sicht betrachtet nenne ich dies gern, den Beginn meiner Midlife-Crisis. Was andere im Alter rund um Fünfzig durchmachen, nämlich den Sinn ihres Lebens zu hinterfragen, das begann bei mir eben mit 36.
Das Leben ist endlich,
die Lebenszeit begrenzt
Meine erste und zu dem Zeitpunkt bitterste Erkenntnis: Mein Leben ist endlich. Meine Lebenszeit ist begrenzt.
Meine zweite Erkenntnis: Hej, das Leben aller Menschen ist endlich und ihre Lebenszeit ist ebenfalls begrenzt.
Ungefähr zu dieser Zeit lief ein Titel von "Bon Jovi" oft im Radio:
It's my life
And it's now or never
I ain't gonna live forever
I just want to live while I'm alive.
Es ist mein Leben
Es ist jetzt oder nie
Ich werde nicht ewig leben
Ich möchte eben leben während ich am Leben bin.
Dieser Liedtext zusammen mit meiner ersten Erkenntnis, brachte langsam Bewegung in mein Denken und Fühlen.
Die Sorgen um meine Zukunft
verändern die Zukunft nicht
Die Krankheit hat mein Leben und meine Sicht auf das Leben verändert.
Während ich früher eine recht deutliche Vorstellung von meiner Zukunft, sozusagen einen Lebensplan, hatte, sind meine Vorstellungen von der Zukunft heute unbestimmter. Möglicherweise muss ich irgendwann eine neue Leber bekommen. Aber, falls es so weit kommt, dann muss es eben sein. Und man kann heute Lebern transplantieren, glücklicherweise. Vielleicht passiert aber vorher etwas ganz anderes? Herzinfarkt? Autounfall? Sonst irgendetwas. Vielleicht mache ich mir wahnsinnig Sorgen wegen meiner Krankheit, stolpere morgen die Treppe hinunter und breche mir das Genick.
Irgendwann traf mich dies wie ein Schlag: Die Sorgen um meine Zukunft verändern meine Zukunft nicht, aber sie belasten meine Gegenwart.
Diese Gedanken führten bei mir zu einem "positiven Fatalismus".
Ich habe eine schwere, chronische Erkrankung. Ich kann es nicht ändern. Meine Zukunft ist ungewiss (wie die aller anderen Menschen auch). Darum sollte ich mich vielleicht besser auf die Gegenwart konzentrieren.
Dieses "Jetzt", das ist der wichtige Part im Leben. Ob man eine Krankheit hat oder nicht. Jetzt leben.
Das kann man natürlich auch übertreiben. So hatte ich eine Zeit lang das Gefühl, alles auf einmal mitnehmen zu müssen, nichts zu verpassen, allen zu beweisen, dass ich noch am Leben bin. Nach dem Motto: "Ausruhen kann ich mich, wenn ich tot bin." Diese Phase machte vor allem meiner Frau Angst. Für sie sah es aus, als ahnte ich schon meinen Todeszeitpunkt und müsse mich beeilen mit dem Leben. Inzwischen hat meine unbändige Energie sich etwas relativiert. Meine Frau ist etwas beruhigter. Aber mein Leben bleibt anders als vor der Krankheit.
- Denn ich lebe bewusster im Jetzt.
- Ich genieße den Sonnenaufgang am Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Jetzt.
- Ich spiele viel mit meinen Kindern. Jetzt.
- Ich schiebe Dinge, die ich gerne in meinem Leben machen will, nicht vor mir her, um sie irgendwann zu machen. Ich versuche sie jetzt zu realisieren.
- Ich treffe Entscheidungen über berufliche Veränderungen nach anderen Kriterien. Nämlich danach, ob sie mir weiter ein lebenswertes Jetzt ermöglichen.
- Ich bin nicht gedankenlos oder unvernünftig im Umgang mit meiner Krankheit.
- Ich gehe regelmäßig zu Untersuchungen, zur ERCP, zur Tomographie (und ehrlich, ich bin vor jeder Untersuchung unruhig und warte nach jeder Untersuchung unsicher und ein wenig ängstlich auf die Diagnose des Arztes. Und manchmal gehe ich erleichtert nach Hause und manchmal deprimierter).
Aber regelmäßige Kontrolle erlaubt es, im rechten Augenblick eine Entscheidung treffen zu können.
Und zwar in einem zukünftigen, noch ungewissen Jetzt.
Ich lache. Jetzt.
Ich liebe. Jetzt.
Ich lebe. Jetzt.
Und ich habe auch meine schlechten Tage...
Peter Hellriegel,
RAP -
Regionaler Ansprechpartner des Arbeitskreises PSC
E-Mail: RapSued(at)dccv.de






