Puzzle der Forschung
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind bis heute unheilbar
Rund 300.000 Menschen in Deutschland haben Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, also eine chronisch entzündliche Darmerkrankung. Der Crohn kann den gesamten Verdauungstrakt befallen, während die Colitis auf den Dickdarm beschränkt ist. Die Patienten leiden an Bauchkrämpfen, zum Teil blutigen Durchfällen, bisweilen Darmverengungen und -verschlüssen, Fistelbildungen sowie oft auch an Begleiterkrankungen beispielsweise der Leber, der Augen, der Haut, der Knochen und Gelenke. Bei den meisten werden im Krankheitsverlauf eine oder mehrere Operationen notwendig. Heilbar sind die beiden chronischen Darmentzündungen bis heute nicht. Aber im Laufe der letzten Jahre hat das Wissen über ihre Entstehung deutlich zugenommen, und damit einhergegangen sind neue Therapieoptionen.
Inzwischen geht die Wissenschaft davon aus, dass es nicht eine einzelne Ursache für Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa gibt, sondern mehrere Faktoren zusammenwirken, nämlich genetische Veranlagungen und zusätzliche Umwelteinflüsse. Ähnlich einem Puzzlespiel wird nun untersucht, wie die verschiedenen möglicherweise beteiligten Elemente zusammenspielen. Dabei ist es in einem ersten Schritt gelungen, mehrere so genannter Kopplungsregionen auf den menschlichen Chromosomen zu bestimmen, an denen wahrscheinlich für die Erkrankung relevante Gene zu finden sind. Bezogen auf den Morbus Crohn wurden auch schon konkrete erste Gene identifiziert, nämlich das NOD2/CARD15-Gen auf Chromosom 16 und der so genannte Interleukin-23-Rezeptor.
Da chronisch entzündliche Darmerkrankungen global betrachtet im Norden häufiger auftreten als im Süden, stehen verschiedene Elemente des Lebensstils in den Industrienationen im Verdacht, einen Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf der Krankheiten zu haben. Dies gilt vor allem für die Hygiene und die Ernährung, möglicherweise aber auch für Stress und - beim Morbus Crohn - für das Rauchen.
Zentral ist die Deutung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen als Barrierestörung des Darms. Die Darmschleimhaut, die Mukosa, ist mit einer Fläche von über 200 Quadratmetern die größte Oberfläche des menschlichen Körpers und gleichzeitig die wichtigste Barriere gegen Bakterien und Krankheitserreger, die mit der Nahrung eindringen. Bei einem gesunden Menschen ist das Zusammenspiel zwischen den Epithelzellen an der Oberfläche und den darunter liegenden spezialisierten Immunzellen intakt. Bei einer entsprechenden Veranlagung aber kann es aus dem Gleichgewicht geraten. Der Körper produziert dann beispielsweise zu wenig körpereigene Antibiotika, die so genannten Defensine, und die Epithelschicht wird durchlässig. Die Folge ist, dass Bakterien in die Darmschleimhaut eindringen können und dort eine starke Reaktion des Immunsystems provozieren. So kommt zur Entzündung, die der Betroffene durch Symptome wie heftige Bauchschmerzen, blutige Durchfälle und Entkräftung bemerkt.
Elemente der Therapie können nun einerseits darauf abzielen, die Besiedlung der Darmschleimhaut durch Prä-, Pro- und Antibiotika zu regulieren. Zentral erscheint aber noch stets das Eindämmen der Entzündung. Cortisonpräparate haben in der Therapie nach wie vor ihren Platz, sollten aber aufgrund der Nebenwirkungen, beispielsweise des Knochenabbaus bis hin zur Osteoporose, nicht über längere Zeit hochdosiert eingenommen werden. Bei einem nur leichten Schub können Aminosalizylate, so genannte 5-ASA-Präparate (Mesalazin), zum Einsatz kommen. Bei einem stärkeren Verlauf ist an Immunsuppressiva wie Azathioprin oder 6-Mercaptopurin zu denken. Die jüngste Generation von Medikamenten, so genannte Biologika, soll auch bei schweren und bislang therapierefraktären Krankheitsverläufen helfen. Entgegen dem Namensklang handelt es sich bei Biologika nicht etwa um Naturarzneien, sondern um technisch hergestellte Antikörper gegen entzündungsfördernde Eiweiße im menschlichen Körper. Bei Darmentzündungen richten sie sich mit gegen den Tumornekrosefaktor Alpha (TNFa), hemmen ihn und schaffen dadurch die Voraussetzung für das Abheilen der Darmoberfläche. Allerdings können die Antikörper, die zum Teil noch Mauseiweiße enthalten, bei dem Patienten schlimmstenfalls auch allergische Reaktionen und gefährliche Nebenwirkungen auslösen.
Es fällt auf, dass die TNFa-Inhibitoren nicht nur bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wirken, sondern beispielsweise auch bei der rheumatoiden Arthritis, bei der ankylosierenden Spondylitis (Morbus Bechterew) und bei der Hautkrankheit Psoriasis. Inzwischen sieht die Forschung mehr und mehr Parallelen und Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Entzündungserkrankungen. Das fängt bei den genetischen Anlagen an. Wie bei einem Akkord in der Musik verschiedene Töne zusammenklingen, könnten auch bei Entzündungskrankheiten verschiedene Genmutationen zusammenkommen, von denen die einen die Entstehung der Entzündung begünstigen, die anderen den Ort des Entzündungsgeschehens beeinflussen. Darüber hinaus hat man beobachtet, dass bestimmte entzündungsfördernde Fettzellen sich an den Entzündungsorten ansammeln, also bei Darmkrankheiten um den Darm herum und bei der rheumatoiden Arthritis in den Gelenken. Und bei allen Entzündungskrankheiten wird die Rolle von Bakterien aus der Umwelt und insbesondere aus der Nahrung diskutiert.
Die Darmflora wiegt insgesamt mehrere Kilogramm, und in ihr sind 400-500 verschiedene Spezies zu finden. Das Darm-assoziierte Immunsystem macht bis zu siebzig Prozent des gesamten körpereigenen Immunsystems aus. Vor diesen Hintergründen ist das Geschehen im Darm möglicherweise nicht nur der Schlüssel zu Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, sondern öffnet auch die Tür zum Verständnis und zur Behandlung zahlreicher anderer Entzündungskrankheiten.
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