Auf die ganz harte Tour. Matthias Michl - Extremtriathlet mit einem schweren Handicap
Von CHRISTIAN DENSO
Hamburg - "Der innere Schweinehund kommt bestimmt. Aber nicht nur einmal im Wettkampf", sagt Matthias Michl. 36 Stunden am Stück sind Extremisten wie er unterwegs, wenn sie ihre Leidenschaft voll ausleben. Vom Sprung ins Wasser morgens früh um sieben bis zum Ziel am Abend des nächsten Tages. Der Lübecker ist Dreifach-Triathlet.
Ein Verrückter? So richtig scheint das nicht zu passen zu dem zierlichen Mann mit Stoppelhaaren auf dem Kopf und Nickelbrille im schlankem Gesicht: 11,4 Kilometer Schwimmen, 540 Kilometer Radfahren und 126,6 Kilometer Laufen, drei bis vier Mal im Jahr. Die meisten, denen der zurückhaltende Grenzschutzbeamte davon erzählt, schütteln denn auch mit dem Kopf. Ist das noch normal?
Aber damit nicht genug. Michl hat seine Sportler-Karriere zweimal ganz von vorne angefangen. Der Lübecker leidet seit Geburt an der unheilbaren Darmkrankheit Morbus Crohn. Erst vor zwei Jahren wurde das erkannt. Und dennoch ist der eigentlich schwer Kranke heute Weltmeister in dieser vielleicht härtesten Sportart der Welt.
"Man kann seinen Körper zu unglaublichen Leistungen bringen", glaubt der 30-Jährige. Triathlon, ob einfach oder mehrfach, das ist in der Michlschen Philosophie nichts anderes als etwa ein Computerprogramm zu schreiben: "Du stehst vor einem unglaublichen Berg, den du nie zu bewältigen glaubst. Doch du kannst es schaffen, wenn du wirklich willst." Große Ziele zerlegt er in Monats,- Wochen- und Tagespläne, gibt seinen Willen dazu, nach diesen Plänen zu leben. "Ich mache meinen Körper nicht kaputt. Ich bin dafür trainiert."
Ganz gemächlich hat der gebürtige Oberfrankener, der vor elf Jahren seinen ersten "Trip in die Hölle" (Ironman-Queen Paula Newby-Fraser) lief, angefangen. Als Jugendlicher mit 10-Kilometer-Läufen, Vorbereitung auf einen Marathon. Gemeinsam mit einem Freund, der den Karate-Fan eines Tages auf Wettkämpfe mitnahm.
Der junge Mann mit den graublauen Augen war fast ganz oben, als er zusammenbrach. 1996 Zweiter beim Weltcup in Lensahn, 1997 Vierter bei der WM in Litauen. 1998 ist er dann zusammengeklappt. Einfach so. Sein Körper spielte nicht mehr mit. Keiner wusste, warum. Nach einer Notoperation diagnostizierten die Ärzte schließlich Morbus Crohn, eine chronisch entzündliche Darmerkrankung, die eine Ernährung mit Spezial-Produkten erfordert. "Die Analyse war, dass ich mit dieser Krankheit keinen Sport mehr machen könnte."
Der Lübecker fing dennoch an, wieder zu trainieren. Zunächst nahm sein Körper die Nährstoffe, die ein Triathlet besonders braucht, nicht an. Oder ließ sie einfach "durchlaufen". Nach der ersten, mühsamen Stadionrunde im Sommer 1998 etwa, als er gleich wieder in den Katakomben verschwand. Damals hat er gerade noch 64 Kilo gewogen. Heute bringt er immerhin 22 Pfund mehr auf die Waage - anders als 70 Prozent der etwa 25 000 Deutschen, die an Morbus Crohn erkrankt sind: Diese meist jüngeren Erwachsenen leiden vor allem an Untergewicht.
Michl suchte sich eine Ernährungstherapie, die ihm die nötigen Eiweiße, Fette und Kohlenhydrate sicherte. Und er blieb zäh. "Ich habe vor zwei Jahren nie geglaubt, dass ich jemals wieder zur alten Form zurückfinde. Dabei habe ich mich jetzt noch selbst übertroffen." Wieder setzt er sich Etappenziele: "Ich jogge zehn Kilometer, egal, wie lang das dauert." Dann die ersten Härtetests. Ihm wird während der Wettkämpfe seine Spezial-Nahrung zu Eis aufbereitet gereicht.
Ein dreiviertel Jahr nach dem Zusammenbruch wird er Vizeweltmeister, allein in diesem Jahr mehrmals Erster: Bei den Weltcup-Läufen im Double Ironman in Ekuador und in Colonial Beach (USA). Die Krönung der Saison: Der Polizeimeister an der Sporthochschule des Bundesgrenzschutzes gewinnt Ende August, einen Tag vor seinem 30. Geburtstag, in Litauen die Weltmeisterschaft im Triple Ironman. Neben seinem Sport bewegt Michl, der seine Freundin Sanddra Dietrich (28, selbst Weltmeisterin im Polizeifünfkampf) auf dem Flur der Grenzschutzschule kennenlernte, heute vor allem philosophische Fragen. Irgendwann nach dem Zusammenbruch begann der Extremsportler, der das Abitur auf der Abendschule nachholte, sich mit Metaphysik zu beschäftigen - da geht es für ihn um die wirklich wichtigen Dinge. "Die Schmerzen", sagt er sich während der Wettbewerbe, "sind lächerlich. Sei froh, dass du dabei sein darfst."
Sein Idol ist nicht etwa Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong, der den Krebs besiegte, sondern Stephen Hawking, das Naturwissenschafts-Genie. Weil der Brite trotz fortschreitender Muskellähmung, trotz Fesselung an den Rollstuhl, glücklich allein auf Grund der Tatsache ist, dass er lebt. Auf Michls Nachtisch liegt ein Buch, das sich mit Fragen von Raum und Zeit beschäftigt. Er liest das Original auf englisch.
Der Einzelgänger gibt selber zu, dass er wenig für einen Mannschaftssport geeignet ist. "Ich würde von jedem verlangen, dass er sich so reinhängt wie ich. Sonst würde es schwierig." Ein Ende seiner Triathlon-Karriere sieht der 30-Jährige noch nicht. "Warum auch? Die meisten meiner Kollegen sind zwischen 30 und 40." Auch, wenn der Körper dann vielleicht nicht so leistungsfähig sei wie bei einem 25-Jährigen: Was zählt, ist nach Matthias Michl vor allem das mentale Kapital. "Wenn da so ein Jungspund wie wild schwimmt und radelt, dann sage ich mir nur: Jetzt warten wir mal zehn Stunden Laufen ab, und schauen, wie es dann aussieht."
Quelle:
Hamburger Abendblatt, 7.12.2000
www.abendblatt.de






